Ideologie der Hungerkrise

Verzerrung der Wirklichkeit by Leonie He

Wie das neurechte Gerede von der „Überbevölkerung“ der Erde der Barbarei den Weg ebnet.

Das größte Problem der Menschheit sei sie selbst – auf diesen Nenner lässt sich eine der ältesten, archaischen Ideologien bringen, die den Aufstieg des Kapitals zur globalen Totalität begleitete. Die gegenwärtige globale Hungerkrise lässt zuverlässig das Narrativ von der Überbevölkerung der Erde aufkommen, die insbesondere im globalen Süden verortet wird.

Die bei solchen Gelegenheiten in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems erhobene Klage, wonach es einfach zu viele Menschen in dessen Peripherie gebe, wird dabei oftmals mit kulturalistischen oder rassistischen Ressentiments angereichert – etwa gegen „Afrikaner“, die sich zu sehr „vermehrten“.

Bei der gegenwärtigen kapitalistischen Hungerkrise kontrastiert aber millionenfaches Elend mit materiellem Überfluss an Lebensmitteln, der nicht mehr in Warenform verwertet werden kann, was folglich zu einer gigantischen Lebensmittelvernichtung führt – während zugleich unzähligen Menschen buchstäblich der Hungertod droht.

Das Gerede von der überbevölkerten Erde wandelt somit diese massenmörderischen Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise mittels der Personifizierung der systemischen Krisenursachen in Ideologie, in die Rechtfertigung des Bestehenden, indem es die Opfer der Hungerkrise zu deren Verursachern erklärt – und ihnen ihre bloße Existenz zum Vorwurf macht.

Zuverlässig wird diese Klage von der neuen deutschen Rechten, etwa der mit Rechtsextremisten und Nazis durchsetzten AfD, erhoben, die die „Überbevölkerung“ zu einem der Hauptprobleme des afrikanischen Kontinents erklärt. Doch auch in gutbürgerlichen, sich gerne seriös gebenden Blättern wie der Süddeutschen Zeitung (SZ) wird immer wieder ein ähnliches Narrativ gepflegt, wonach es schlicht zu viele Menschen gebe, die zu viele Ressourcen verbrauchten.

Diese durch ihre Primitivität bestechende Argumentation hat eine lange Tradition. Die Überbevölkerungsideologie, der Malthusianismus, ist tatsächlich so alt wie der Kapitalismus. Der Erfinder dieser Ideologie, der englische Pfarrer Thomas Robert Malthus, imaginierte schon am Ende des 18. Jahrhunderts eine überbevölkerte Welt, die sich ihrer Überschusspopulation periodisch durch Seuchen, Hunger und Krieg auf natürlichen Weg „entledigen“ würde.

„Überbevölkerung“ im 18. Jahrhundert

Was Malthus zur Ausbildung seiner Wahnidee verleitete, die frühkapitalistische Welt des 18. Jahrhundert als „überbevölkert“ zu imaginieren, war eben das massenhafte frühkapitalistische Elend, der Pauperismus, den das Kapital bei seinem historischen Durchbruch fabrizierte. Der englische Pfarrer sah sich mit der Masse verarmter, ökonomisch „überflüssiger“ Landbevölkerung konfrontiert, die im Rahmen der kapitalistischen Transformation des Agrarsektors im Vereinigten Königreich produziert wurde – und aus der das Proletariat des 19. Jahrhunderts hervorgehen sollte.

Die Bauern und Kleinpächter wurden zwecks Wollproduktion für die aufkommende Textilindustrie von ihrem angestammten Land vertrieben, ins lebensbedrohliche Elend gestoßen, bevor sie später in die Textilfabriken getrieben wurden.

Die massenhafte Elendsexistenz der Opfer der „ursprünglichen Akkumulation“ in Großbritannien, die Karl Marx im berühmten 24. Kapitel seines Hauptwerks „Das Kapital“ eingehend beschrieb, wurde somit von Malthus als Ursache des frühkapitalistischen Pauperismus fehlinterpretiert. Diese Ideologie, die den Opfern der unzähligen kapitalistischen Katastrophen ihre bloße Existenz zum Vorwurf macht, erlebt folglich gerade in Krisenzeiten immer wieder Konjunkturen – wobei sie auch gegenwärtig zu einem festen Bestandteil der Narrative der neuen Rechten avancierte.

Zwischenfazit: Sobald das Kapital in Krisenschüben größere Massen an Menschen ökonomisch überflüssig macht, vermehren sich auch die Malthus-Anhänger wie die Karnickel.

Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass – allen Produktivitätsfortschritten zum Trotz – die Weltbevölkerung tatsächlich nicht ins Unendliche ansteigen kann, da irgendwann die Ressourcen des Planeten Erde erschöpft sein werden. Darauf spielte etwa ja die Süddeutsche Zeitung an, als sie konstatierte, „die Menschheit“ verbrauche so viele Ressourcen, dass „eineinhalb Erden nötig wären“, um dieses Verbrauchsniveau aufrechtzuerhalten.

Zahlen, Daten, Fakten

Es lässt sich somit durchaus fragen, ob die Weltbevölkerung bereits eine Höhe erreicht, die eine Ernährung der Menschheit unmöglich mache. Der Malthus des 18. Jahrhunderts kann als ein gemeingefährlicher Spinner abgestempelt werden – doch vielleicht hat er im 21. Jahrhundert plötzlich Recht?

Und, vor allem, es muss nüchtern der Frage nachgegangen werden, in welchem Zusammenhang Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum stehen? Steigt der Verbrauch von Energie, Nahrung und Rohstoffen tatsächlich mit dem Wachstum der Bevölkerung, oder treiben andere soziale Faktoren diesen ökologischen Verbrennungsprozess, den die SZ beklagte und mit Bevölkerungswachstum in Zusammenhang brachte?

Dass es derzeit genug zu Essen für alle Erdenbürger gäbe, würde es nur effizient produziert und verteilt, steht außer Zweifel. Laut dem Weltagrarbericht könnten bei dem heutigen Stand der Produktivkräfte bis zu 14 Milliarden Menschen auf der Erde ernährt werden, wenn die global hergestellte Nahrung „so effektiv wie möglich“ genutzt würde. Derzeit leben auf unserem Planeten rund 7,7 Milliarden Menschen. Das menschenfeindliche Gerede der Überbevölkerungsideologen, es gebe zu viele Menschen auf der Welt, um sie satt zu kriegen, ist somit sachlich falsch.

Doch wie sieht es mit der Zukunft aus, in der die weltweite Nahrungsproduktion sich mit den Folgen des kapitalistischen Klimawandels und der ökologischen Verheerungen konfrontiert sehen wird, die von der Agrarindustrie in den vergangenen Jahrzehnten verbrochen worden sind?

Entsprechende Studien des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen kamen zu ähnlichen Schlussfolgerungen: eine globale Hungerkatastrophe kann sehr wohl abgewendet werden, es könnten 2050 neun Milliarden Menschen, 2100 sogar 11 Milliarden ernährt werden. Dies könne aber nur gelingen, wenn die Art des landwirtschaftlichen Anbaus sich ändere, der Verbrauch von Ressourcen heruntergefahren werde (PIK), und umfassende Investitionen im dreistelligen Milliardenbereich (UN) in den Agrarsektor insbesondere in der Peripherie erfolgten.

Auf den Punkt gebracht: der globale kapitalistische Agrarsektor, der die ungesunde und ressourcenverschlingende Nahrungsherstellung in der Form eines möglichst profitablen Geschäfts betreibt, muss einer grundlegenden Transformation unterzogen werden.

Um vermittels Nahrungsproduktion aus Geld möglichst viel Geld zu machen, werden derzeit Böden ausgelaugt und überdüngt, werden möglichst lange Wertschöpfungsketten in Gestalt von regelrechten Fleischfabriken aufgebaut, um die Konsumenten mit ungesundem Chemiefraß vollzustopfen, so dass ein großer Teil der chronischen Krankheiten in den Industrieländern (Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etc.) ernährungsbedingt ist. Eine gesunde Ernährung, die sich am Wohl des Menschen orientierte und nicht mehr dem Diktat des Profits unterworfen wäre, könnte somit zu einer ressourcenschonenden Wirtschaftsweise beitragen.

Somit ist zumindest geklärt, dass derzeit von einem tatsächlichen Nahrungsmangel nicht die Rede sein kann. Es gibt genug zu essen für alle Menschen. Der global zunehmende Hunger ist Ausdruck der ökologisch ruinösen, kapitalistischen Misswirtschaft, der Nahrung nur als Mittel zum Selbstzweck des Profits dient – und nicht Folge einer „Überbevölkerung“.

Die obigen Studien sprechen überdies davon, dass auch künftige Hungerkrisen durch einen umfassenden Umbau des globalen Agrarsystems verhindert werden könnten.

Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum

Doch wie sieht es mit den Zusammenhang zwischen dem steigenden Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum aus? Werden gerade dort, wo die Bevölkerung besonders schnell wächst, besonders viele Ressourcen verbraucht? Ist doch etwas dran an dem Geraune der Malthus-Anhänger?

Schon ein erstes Beispiel macht die Absurdität dieser Argumentation offenbar: Der Energieverbrauch im gesamten Afrika, das ein rasantes Bevölkerungswachstum aufweist, hat sich seit 1990 auf 19,87 Exajoule rund verdoppelt. Das von einer rasanten kapitalistischen Modernisierung erfasste China – dessen Bevölkerung in denselben Zeitraum stagnierte – konnte seinen Energieverbrauch hingegen vervielfachen: auf 141,7 Exajoule. Bei vergleichbarer Bevölkerungszahl verbraucht China, wo jahrelang die Ein-Kind-Politik galt, nun rund die achtfache Energiemenge Afrikas.

Da der Klimawandel künftig die Welternährung bedrohen könnte, ließe sich auch fragen, inwiefern die CO2-Emissionen der rasch wachsenden Bevölkerung Afrikas zur Destabilisierung des Weltklimas beitrugen: Vor rund einer Dekade lagen die Emissionen des gesamten afrikanischen Kontinents unter denen der Bundesrepublik, die insbesondere im Osten des Landes inzwischen Räume ohne Volk ausbildet. Derzeit ist der gesamte Kontinent für gerade mal für zwei bis drei Prozent der globalen Emissionen verantwortlich.

Weitere Daten machen das Bild noch klarer: Der regelmäßig publizierte ökologische Fußabdruck bemisst die Nachhaltigkeit des Ressourcenverbrauchs, indem er die Differenz zwischen der ökologischen Kapazität und der ökonomischen Ressourcenentnahme in Ländern oder Regionen angibt. Demnach ist beispielsweise die Ressourcenextraktion in der EU – wo das Bevölkerungswachstum stagniert – eindeutig nicht nachhaltig, da sie die Biokapazität Europas um den Faktor 2,1 überschreitet.

Rund zwei Erden wären somit notwendig, um den Ressourcenverbrauch Europas global aufrechterhalten zu können. Ähnliches gilt für Nordamerika, das einen Faktor von 1,7 aufweist. Afrika weist hingegen einen Wert von nur 1,1 auf – der Kontinent verbraucht kaum mehr Ressourcen, als im selben Zeitraum regeneriert werden können. Nicht Afrika, wo die Bevölkerung rasch wächst, lebt auf Kosten künftiger Generationen, sondern Europa als ein kapitalistisches Zentrum des Weltsystems, wo es seit Jahrzehnten kein nennenswertes Bevölkerungswachstum mehr gibt.

Ähnliche Ergebnisse hat eine ältere Studie des Umweltbundesamtes zum weltweiten Ressourcenverbrauch zutage gefördert. Der Verbrauch liegt in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems bei vielen Rohstoffen um bis zu 1000 Prozent über dem in der afrikanischen Peripherie. Insgesamt verbrauchten die Bewohner der USA im Schnitt 90 Kilogramm Ressourcen pro Tag, in der EU waren es 45 Kilo – in Afrika hingegen im Schnitt nur 10 Kilo.

Pikanterweise liegt laut der Studie die tägliche Ressourcenentnahme in Afrika bei rund 15 Kilo pro Einwohner. Wo geht dieser Förderüberschuss hin? Mit rund drei Tonnen pro Einwohner und Jahr sei Europa laut der Studie der „Kontinent mit den größten Netto-Importen an Ressourcen“, der von einem „bedeutenden Transfer von Ressourcen aus armen Ländern mit geringem Konsum in Reiche Länder mit hohem Konsum“ profitiere.

Malthus steht plötzlich Kopf: Anstatt sie selber zu konsumieren, führen die Regionen mit dem höchsten Bevölkerungswachstum (arme Länder) rund ein Drittel ihrer geförderten Ressourcen in die Regionen aus, in denen kein Bevölkerungswachstum vonstattengeht (reiche Länder).

Absurdität mit System

Soviel zur faktischen Absurdität der Überbevölkerungsideologie, die sich allein schon an der Bevölkerungsdichte blamiert, die in Afrika rund 43 Einwohner pro Quadratkilometer beträgt, während es in der Bundesrepublik, wo ganze Regionen unter Bevölkerungsschwund leiden, 233 Einwohner sind.

Das Geraune von der Überbevölkerung Afrikas, dessen Träger zumeist rechte Weiße Männer sind, die ein Vielfaches an Ressourcen verbrauchen wie die Afrikaner, deren ihre bloße Existenz zum Vorwurf gemacht wird, stellt somit eindeutig Ideologie, also Rechtfertigung des Bestehenden dar. Implizit wird dabei angenommen, dass eine Entwicklung Afrikas nur im Rahmen einer nachholenden kapitalistischen Modernisierung stattfinden könnte, was tatsächlich aufgrund der damit einhergehenden Verbrennung von Rohstoffen und Energieträgern ökologisch unmöglich wäre.

Anstatt über alternative Entwicklungswege für die Peripherie nachzudenken und den Beitrag der Zentren an der „Unterentwicklung“ der Peripherie zu reflektieren, wird das Wachstum der Bevölkerung – ohnehin eine Folge der Unterentwicklung – zum verdinglichten Hauptproblem erklärt.

Damit sind die Opfer der globalen Hungerkrise zu den Verursachern gestempelt worden, ihre bloße Existenz wird zum Problem erklärt, was der Barbarei im weiteren Krisenverlauf Tür und Tor öffnet – während die ursächlichen Widersprüche des kapitalistischen Systems ausgeblendet werden.

Als abschließendes Fazit, somit ein Vorschlag zur Güte: Jeder faktenresistente Malthusianer, der die rasche „Vermehrung“ von Menschen für den Quell aller ökologischen und ökonomischen Probleme hält, kann ja mit gutem Beispiel vorangehen.


Everyone´s a winner, baby!

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Gewinner, Verlierer und glücklich Davongekommene.

Alle sind sich einig: Die Pandemie ist zwar schrecklich, aber wir haben dabei allesamt auch sooooo viel gelernt! Wir können jetzt Bananenbrot backen, lustige Fake-Hintergründe auf Zoom einstellen und komplexe medizinische Statistiken auswerten. Außerdem – darin sind sich der Pabst, der Bundespräsident und die Zalando-Plakatwerbung einig – haben wir ein neues Miteinander, Umeinander und Füreinander entwickelt.

Wir waschen uns jetzt die Hände, sogar die Männer; wir bleiben bei Kranheit zu Hause, auch wenn im Büro ohne uns nichts geht. Es wäre also nur logisch und folgerichtig, wenn wir in Anlehnung an die berühmte Friedensnobelpreisverleihung an die komplette EU, uns alle zu Gewinner*innen der kommenden Bundestagswahl erklären würden. Wir alle sind jetzt das Parlament, wir alle sind Bundeskanzperin, wir alle schwitzen jetzt im Untersuchungsausschuss.

Eigentich ist es nur seltsam, dass wir nicht schon längst auf diese einfache Lösung gekommen sind, denn wir alle waren uns doch stets völlig sicher, dass es stets darauf ankommt, dass wir alle an einem Strang ziehen, egal wer dran hängt. Diese durch nichts zu erschütternde Gewissheit, dass es in einer antagonistischen, widerspruchsvollen Gesellschaft trotz allem um uns alle geht, eint uns alle, parteien-, religions- und kapitalübergreifend.

Zeit, daraus endlich Konsequenzen zu ziehen, bevor diesr herrlich einigende Moment wieder verflogen ist. Denn das Schlimmste ist bekanntlich, wenn das Wir alle ist.


„Wir finden schon nach Hause…“, Teil 5: Bewältigungstatsache Corona-Krisen

Eisbärspuren auf Eisscholle

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind aufgrund ihrer strukturellen Bedingtheit in allen Lebensbereichen und quer über den Globus als unumgängliches Erleben, in ihren verschiedenen Facetten, allgegenwärtig und bislang zumindest gesellschaftlich kaum aufzulösen. Mit Perspektive auf die unterschiedlichen Ebenen (etwa Bronfenbrenner 1978) wirkt sich die Pandemie auf einzelne Menschen aber eben auch auf Institutionen, Organisationen und Gesellschaftsmodelle aus und stellt dabei die jeweiligen Systeme und ihre Funktionalität selbst in Frage. Gleichwohl sind die Auswirkungen auch in den verschiedensten Bereichen wie etwa den Gesundheits- oder Wohlfahrtssystemen, dem Bildungssektor, der Politik, der Justiz, der Ökonomie oder den Finanzmärkten deutlich zu erkennen. Die Corona-Pandemie ist so also streng genommen ein Konglomerat von unterschiedlichsten Krisen, mit einem auch als Katalysator auf bereits bestehende Krisen wirkenden, krisenhaften Ausgangsereignis. Die so verstärkten, aber auch neu entstehenden Krisen liegen quer zu den verschiedenen Bereichen und multiplizieren sich darüber in ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Das heißt, dass gleichzeitig multiple bereits vor Corona bestehende Krisen sich verstärken, aber auch neue Krisen entstehen, welche sowohl von den unterschiedlichen Bereichen (etwa dem Gesundheitssystem), Organisationen (etwa Krankenhäuser, Kindertagesstätten), Institutionen (etwa Familie) aber auch Individuen selber bewältigt werden müssen, wobei die entsprechenden Bewältigungshandlungen (Besuchsverbot der KiTa, Schulschließung) Krisen hervorrufen können, welche wiederrum auf den verschiedenen Ebene bewältigt werden müssen. Die aktuelle Entwicklung können dabei auf den gemeinsamen Ausgangspunkt einer Gefahr über die (drohenden) Infektion mit einem Virus und der daran anschließenden Erkrankung sowie der Bewältigung dessen zurückgeführt werden. So sind strukturell selbst all jene von den Corona-Krisen betroffen, die die Krankheit leugnen, verharmlosen oder auch (bislang) gesund geblieben sind oder von einer Infektion weit entfernt scheinen.

Die zwingende kollektive Bewältigung von Corona-Krisen ist in ihrer unausweichlichen Tatsächlichkeit damit eine unumgängliche Erfahrung von Individuen, Institutionen und Gesellschaften – Erfahrungen, welche sich in den jeweiligen (kulturellen) Gedächtnissen einbrennen werden, wobei die zu bewältigenden Krisen und kollektivierten Erfahrungen des Erfolges und des Misserfolges kaum unterschiedlicher sein könnten. (Lebensweltliche) Krisen sind so zu bewältigende Aufgaben, für die noch keine funktionalen Routinen bestehen und wenn entsprechende Routinen gefunden werden, bleibt offen, für welche der widerläufigen Aufgaben und zwingenden Priorisierungen die entsprechende Funktionalität gilt. Es geht dabei im Zurückgeworfensein auf die Gegenwart nun verstärkt darum, elementare Zielsetzungen zu bewältigen, eben um diese Corona-Krisen-Zeit zu überstehen. Neben den Krisen sind es aber auch die Routinen des Alltags, die zu bewältigen sind und bleiben, wobei, einmal mehr als unumgängliche Erfahrung, mögliche Bewältigungshandlungen ehemaliger Routinen keine Gültigkeit mehr besitzen. Insbesondere die subjektiven Alltagswelten der Menschen müssen so von heute auf morgen in ihrer Krisenhaftigkeit neu bewältigt werden, da bewährte lebensweltlichen Routinen in Zeiten von Corona in Frage gestellt, ja zumeist obsolet geworden sind und gleichzeitig die Bewältigungsreaktionen von Institutionen, Organisationen und Gesellschaft bewältigt werden müssen.

Insbesondere auf dieser lebensweltlichen Ebene wirken sich die verschiedenen Ausprägungen der Krisen als individuelle Bewältigungsthemen aus: Armut, drohende Arbeitslosigkeit oder mehr Arbeit, Kurzarbeit, finanzielle Sorgen, Doing Family, soziales Handeln, Perspektivlosigkeit, Einsamkeit, Beziehung(-en), Freundschaften, körperliche Bedürfnisse wie Sexualität oder Nähe, unterschiedliche Beziehungsformen wie Polyamorie, Patchwork Familien, der Alltag als/mit Wechselkind(-ern), Medienkompetenzen/ -ausstattung, Kontaktbeschränkungen, selbstgewählte/fremdbestimmte Isolation (Quarantäne), Gesundheitsvorsorge, physische oder psychische Erkrankungen, Schulängste oder bestehende schulische Probleme, Umgang mit Risikogruppen, Behinderungen oder besonderen Förderbedürfnissen, mit sich verändernden Regeln und Normen umgehen müssen, Zeit, Raum, … jedes dieser Themen, deren Aufzählung nur einen Eindruck der Komplexität und Vielschichtigkeit vermitteln kann, ist als Bewältigungsproblem von vielen Faktoren abhängig, damit individuell gelagert und kaum allgemeingültig zu bestimmen. Mit Blick auf die Alltagswelt von Menschen etwa, wenn Homeschooling vs. Home-Office vs. KiTa Ersatzzeiten um Wohnraum, Tageszeiten und unterschiedlichen Erschöpfungsgraden verschiedener Familienangehöriger konkurrieren müssen und im Alltag von allen Beteiligten Ressourcen aufzubringen sind, die unterschiedlichen Aufgaben zu bewältigen. Dass die Bewältigung von Alltag hier für eine Familie in einem unter Quarantäne stehenden Hochhauskomplex andere Fertigkeiten, Ressourcen und möglicherweise institutionalisierte Unterstützungsmöglichkeiten benötigt als die Quarantäne im Einfamilienhaus mit Garten, ist naheliegend.

Menschen, die über ausreichend Ressourcen und Bewältigungsfertigkeiten verfügen, wird es leichter gelingen sich auf die neuen Gegebenheiten einstellen zu können. Menschen, die in prekären Bewältigungswelten (Böhnisch & Schröer 2013: 25) oder nicht selbst zu steuernden Bewältigungsdynamiken verstrickt sind, geraten noch stärker unter Druck, als sie es ohnehin schon gewesen sind. Auch kommen immer neue Bewältigungsaufgaben bei weniger zur Verfügung stehenden Bewältigungsfertigkeiten und -ressourcen hinzu und entwickeln sich zu konkreten Problemlagen. Die ohnehin bestehende soziale Spaltung verstärkt sich so durch die Ungleichverteilung von Fertigkeiten, Ressourcen und Bewältigungsaufgaben weiter.

Hastig eingeführte bzw. angepasste sozialpolitische Steuerungsinstrumente, die zumindest die Möglichkeit besitzen könnten, Krisen abzufedern, bleiben dabei zu oft hinter der Komplexität der Lebenswelt und den Bewältigungsaufgaben insbesondere von bereits marginalisierten oder auch besonders belasteten Personengruppen zurück. Die sozialpolitischen Hilfen und Entscheidungen scheinen sich dabei an ökonomischen Interessen oder, besonders bedeutsam für Kinder und Jugendliche, kaum noch aktuellen Familienleitbildern, hingegen weniger an der Lebenswelt der Menschen zu orientieren. Aber auch die Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten durch personenbezogene Dienstleistungen, beginnend bei Betreuungs- und Bildungsinstitutionen für Kinder und Jugendliche, sind in sich nicht durchgängig handlungsfähig – zumal die dort arbeitenden Fachkräfte selbst Corona-Krisen bewältigen müssen.

Soziale Arbeit ist die „gesellschaftlich institutionalisierte Reaktionen auf typische psychosoziale Bewältigungsprobleme in der Folge gesellschaftlich bedingter sozialer Desintegration“ (Böhnisch 2012: 219) und bereits in ihrer Struktur mit sozialen Problemen konfrontiert (Maurer & Schröer 2016). Corona bedingte Krisen sind als Bewältigungstatsache (Böhnisch 2012) demnach kritische Lebensereignisse, die potenziell als sozialstrukturelle Integrations- und Integritätsprobleme verstanden werden können. Mit dem einerseits weitgehenden zum Erliegen kommen des sozialen Lebens, oder andererseits auch dem Zwang – in allen Gefährdungssituationen – weiter an ihm teilnehmen zu müssen, führt zu einer Ausweitung von sozialen Problemen und sozialer Desintegration. Es ist naheliegend, dass die Soziale Arbeit mehr als andere Professionen mit der Bewältigung der Corona-Krisen konfrontiert sein und beauftragt wird. Auch wenn die Auflösung der Pandemie über die Ausrottung eines Virus sicherlich weniger zu ihren Aufgaben zählt, so ist doch eine zentrale Aufgaben von Sozialer Arbeit, die sozialen Folgen der Krisen und ihrer Bewältigung zu prognostizieren und Unterstützungsmöglichkeiten für eine gelingende Bewältigung zu entwickeln. Welche Folgen die weitere Spaltung der Gesellschaft in Menschen, die »gut« durch die Krisen kommen und Menschen, die an ihrer Grenze stehen oder bereits drüber hinaus sind, mit sich bringt, wird sich erst in der Zukunft zeigen. Die Krisen werfen so Fragen nach unterschiedlichen Gesellschaftssystemen und ihren Verständnissen von einer gerechten Lastenverteilung, von Ressourcen, Routinen oder Krisen, aber auch nach möglichen Kategorien (Verstorbene, Übersterblichkeit, Infektionen, wirtschaftliche Erholung, Zahl von Kindeswohlgefährdungen, gesellschaftlicher Zusammenhalt, …) für eine retrospektiv erfolgreich einzuschätzende Bewältigung der aktuellen Corona-Krisen auf.

Literatur

Böhnisch, Lothar (2012): Lebensbewältigung. In: Thole, Werner (Hrsg.) (2012): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Wiesbaden, S. 219-233.

Böhnisch, Lothar; Schröer, Wolfgang. (2013): Soziale Arbeit – eine problemorientierte Einführung. Bad Heilbrunn.

Bronfenbrenner, Uri (1978): Ansätze zu einer experimentellen Ökologie menschlicher Entwicklung. In: Oerter, Rolf (Hrsg.): Entwicklung als lebenslanger Prozeß. Hamburg: Hoffmann Campe, S. 33–65.

Maurer, Susanne.; Schröer, Wolfgang. (2018): Geschichte sozialpädagogischer Ideen. In: Otto, Hans-Uwe; Thiersch, Hans; Treptow, Rainer; Ziegler, Holger (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. 6., überarbeitete Auflage. München; Basel, S. 540-550.


Vergesellschaftung hält ein Leben lang

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Von wegen Krise: — Die großen Wohnungskonzerne und ihre international tätigen Großaktionäre wie der Finanzorganisator BlackRock erzielen auch in der Krise Profite – und zwar kräftig.

Mietendeckel, Corona-Lockdown, Wirtschaftseinbruch, steigende Arbeitslosigkeit – bestimmten Leuten macht das alles gar nichts. Deutsche Wohnen, der größte Wohnungseigentümer in Berlin, der zweitgrößte Wohnungskonzern in Deutschland, setzt seine jahrelange Expansion fort. Im Juni 2020 stieg er in den DAX auf, in die erste deutsche Liga für Aktiengesellschaften. Dafür flog die Deutsche Lufthansa raus: Der Krisen-Verlierer wird derweil vom deutschen Steuerzahler gerettet und will 26.000 Beschäftigte entlassen.

Der Aufstieg des Wohnungskonzerns ist dem Staat mit zu verdanken. Den Grundstein legte bekanntlich der Berliner SPD-Senat unter Klaus Wowereit und Finanzsenator Thilo Sarrazin: Die größte landeseigene Berliner Wohnungsgesellschaft GSW mit 65.000 Wohnungen wurde an die „Heuschrecken“ Whitehall und Cerberus verschleudert. Die rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder, SPD, hatte die neuen US-Schattenbanken zur Kauftour in Deutschland eingeladen, Steuervorteile selbstverständlich garantiert. Danach hat Deutsche Wohnen den GSW-Bestand übernommen und noch einiges zu- gekauft, besitzt jetzt in Berlin 114.000 Wohnungen und in ganz Deutschland 164.000 Immobilien-Einheiten.

Und die Gewinne steigen

Mit den gesteigerten Mieten und Nebenkosten hat der Konzern in den letzten Jahren immer besser verdient. 2019 wurde der operative Gewinn auf eine halbe Milliarde Euro erhöht, auf 538 Millionen. Das waren 11,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor: Im bereits einsetzenden Wirtschaftseinbruch eine sagenhafte Rendite. „Deutsche Wohnen profitierte vom kräftigen Anstieg der Immobilienpreise in Berlin“, lobte das Handelsblatt. Da machen auch der seit Februar 2020 in Berlin geltende Mietendeckel und jetzt die Geldnöte einiger Mieter nichts aus: Für 2020 erwartet Vorstandschef Michael Zahn zwar leider keine weitere Steigerung, aber doch etwa dasselbe Ergebnis: 540 Millionen. Mit den Gewinnen geht Deutsche Wohnen auf weitere Einkaufstour. Jetzt sind erstmal 400 Wohnungen und dazu noch 40 Gewerbeeinheiten im Visier, die meisten in Berlin, in Milieuschutz-Gebieten. „Wo es möglich ist, werden Land Berlin und Bezirke alle Mittel ausschöpfen, um die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung zu erhalten und Mieterinnen und Mieter vor Verdrängung zu schützen“, teilt die Senatsverwaltung mit. Sehr offensiv klingt das nicht.

Lukratives Schlupfloch im Mietendeckel

Deutsche Wohnen hat sich mit dem Mietendeckel keineswegs abgefunden. Man setzt auf das Urteil des Landgerichts Berlin aus dem Jahr 2019. Die Richter hatten dem Land bescheinigt, dass es dafür gar keine Gesetzgebungs-Kompetenz habe. Die liege allein beim Bundestag. Der Bundesgerichtshof werde deshalb den Mietendeckel dann endgültig für rechtswidrig erklären, so die Erwartung auch der anderen Wohnungskonzerne wie Vonovia, Grand City Properties, LEG&Co., die sich dafür lobbymäßig kräftig ins Zeug legen.

Deutsche Wohnen umgeht den Mietendeckel sowieso schon. Der hat freundlicherweise ein eingebautes Schlupfloch: Neubauten sind nicht betroffen. Also wird jetzt mit den Gewinnen kräftig neu gebaut. Bisher hat der Konzern höchstens 400 Wohnungen jährlich neu gebaut, ab sofort sollen es mindestens 1.000 werden. Dafür hat Deutsche Wohnen in München den Projektentwickler ISARIA Wohnbau gekauft, für 600 Millionen Euro. Da sind 2.700 Wohnungen und einige Gewerbeimmobilien im Bau. Das ist aber nur der Anfang, Teil einer „strategischen Neuausrichtung“: hin zu mehr Neubau und hinein in schon hochpreisige Städte wie München, aber auch Frankfurt/Main und Hamburg. Dort sympathisieren die Politiker*innen nicht mit Mietendeckeln oder noch Ärgerem.

Zur strategischen Neuausrichtung gehört noch mehr. 2016 kaufte der Konzern für 420 Millionen Euro 28 Pflegeheime mit 4.100 Betten, verteilt über Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Die Heime gehörten der Berliner Immobilien-Holding Berlinovo, einer ausgelagerten Bad Bank (Schrottbank) der maroden Berliner Bankgesellschaft. 2018 wurde noch die „Pflegen und Wohnen Hamburg“ dazugekauft: Jetzt sind es schon 12.000 Betten.

Das Monopol mit BlackRock & Co

Wer verdient eigentlich am asozialen Aufstieg von Deutsche Wohnen? Die größten Aktionäre sind: an erster Stelle der größte Kapitalorganisator der westlichen Welt, BlackRock aus New York mit 10,2 Prozent. Dann folgt Massachusetts Financial aus Boston mit 9,9 Prozent. Auf dem dritten Platz befindet sich der norwegische Staatskonzern Norges mit 6,9 Prozent, der sein Geld mit Ölbohrungen in der Nordsee verdient und auch an BlackRock beteiligt ist. Nebenbei: BlackRock & Co sind auch die Hauptaktionäre beim größten Wohnungskonzern in Deutschland, Vonovia mit über 400.000 Wohnungen, und übrigens auch beim dritt- und viert- und fünftgrößten. Allen geht es in der Krise ähnlich gut wie Deutsche Wohnen. Und das soll nicht der Endzustand sein. BlackRock&Co haben mit Vonovia die 2016 gescheiterte Übernahme von Deutsche Wohnen noch keineswegs aufge-geben.

Wenn wir schon dabei sind: Der Krisen-Verlierer Lufthansa ist mit 9 Milliarden der große Gewinner bei den derzeitigen Staatshilfen der Bundesregierung. Aber wer profitiert eigentlich von dieser Staatshilfe, die damit verbunden ist, dass der Helfer Staat nicht mitentscheiden kann? Während des Lockdowns, als ihre Lobbyisten mit der Bundesregierung über die Rettung verhandelten, sind neue Aktionäre in die Lufthansa eingestiegen: An der Spitze Heinz Hermann Thiele, mit seinem 15 Milliarden-Vermögen einer der reichsten deutschen Multimilliardäre. Er hat im Vorfeld der Rettung sein Aktienpaket schnell auf 15 Prozent aufgestockt. Und schnell eingestiegen sind ebenfalls die Banken Morgan Stanley und Goldman Sachs mit Sitz in der US-Finanzoase Delaware. Und einer mit Sitz in Delaware war sowieso schon da: BlackRock.

Da fragt sich nur, von welchem Virus wir eigentlich befallen sind. Und gegen den soll es keinen Lockdown geben?


„Wir finden schon nach Hause…“, Teil 4: Verwahrlosung und Lebensgier

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Jede*r ist für ihre*seine Wahrheiten selbst verantwortlich. Übergeordnete Wahrheiten und allgemeine Glaubensüberzeugungen erodieren in unserer Gesellschaft immer schneller, allenfalls das Geld behauptet noch die Dignität der alten Metaphysik. Diesem Prozess der Verwahrlosung steht das Leben gegenüber. Die Wahrheiten schwinden, aber das Leben bleibt. Unser individuelles, zerbrechliches, für jede Bestimmung offenes und einmaliges Leben ist der Kern, um den sich alles dreht.

Die Konsequenz der Verwahrlosung ist Lebensgier. Man stürzt sich ins Leben und will seinen Teil vom Kuchen. Den aber bekommt man nicht. Oder er ist zu klein. Was steckt dahinter? Die unerfüllte Sehnsucht nach einem erfüllten Leben ruft Paranoia hervor. Dunkle Machenschaften, Lüge und Manipulation, verhindern das richtige Leben. Irgendjemand, ein Mensch, eine Organisation, ein System hat es au fmich abgesehen und pfuscht in mienem Leben herum. Bei genauerem Hinsehen allerding sstellen wir fest: wir selbst sind schuld an dieser Misere. Denn in der „Neuen Ökonomie“ und in den Zeiten der Verwahrlosung ist jede*r für seine*ihre Wahrheit selbst verantwortlich, jede*r ihr*sein eigener Unternehmer, frei und selbstbestimmt, von keiner höheren Wahrheit oder Lüge beschränkt. Wir sind es, die versagen, die nicht in der Lage snd, diese neue Freiheit zu nutzen. Andere schaffen es, und wenn es nur eine*r von Tausenden ist.

Diese Einsicht führt geradewegs in die Depression und in die Krise, privat und ökonomisch. Nichts geht mehr. „Das individuelle Leben ist eine serialisierte kapitalistische Miniaturkrise, ein Desaster, das Deinen Namen trägt“ (Brian Massumi). Wieviel Lüge und Selbsttäuschung sind nötig, um das Desaster zu ertragen, dessen Koordinaten Verahrlosung und Lebensgier, Paranoia und Depression den Rahmen bilden? Es gibt keine Sicherheit und keine Erfüllung, haltbar ist nur die Sehnsucht – und die Liebe, sofern sie unglücklich bleibt. Niemand kommt aus dem kleinbürgerlichen Krisenzusammenhang lebend raus. Wir alle sind immer schon krank und unsere Krankheit besteht darin, nicht zwischen gesund und krank unterscheiden zu können – ohne Aussicht auf Besserung.


Materialisierung der Angst

Ein alter Witz beschreibt das Aufeinandertreffen zweier Planeten, bei welchem der eine dem anderen rückmeldet, dass sein Gegenüber sehr schlecht aussehe, woraufhin dieser ihm erwidert, er habe sich »Homo sapiens« eingefangen. In der jüngsten Erweiterung dieses Kalauers empfiehlt der Planet ihm daraufhin »Corona forte®« und wünscht ihm rasche Besserung.
Ängste vor Erkrankungen und die Suche nach potenten Gegenmitteln im Fall eines Ausbruchs sind so alt wie die Menschheitsgeschichte, zumal das Geschehen eine veritable Bedrohung in puncto Lebenszeitverkürzung darstellen kann. Abgesehen von einer behandlungsbedürftigen Überausprägung, die der Fachmann dann »Nosophobie« nennt, spielen krankheitsbezogene Ängste im Alltag dennoch eine eher untergeordnete Rolle.

Aber was tun, wenn die Welt gerade von einem leicht übertragbaren und potenziell tödlichen Virus kolonisiert wird und man leider dabei nicht Roland Emmerich zufrieden »Cut!« im Hintergrund rufen hört?

Nicht umsonst definieren Psychologen Angst als einen »aus dem Gefahrenschutzinstinkt erwachsenen Affekt«. Doch in der heutigen Ermangelung von auch schon aus der Ferne erkennbaren Mammuts oder Säbelzahntigern zeigt sich im Angesicht elektromikroskopischer Feinde ein ganz anderes Problem: Unklarheit und Ungewissheit. Das Tückische an der Angst in der modernen Welt ist zumeist die Frage, wie viel Daseinsberechtigung sie denn nun tatsächlich hat bzw. man ihr geben sollte. Denn mit unserem serienmäßig eingebauten Alarmsystem sind wir instinktiv auf sie programmiert, zollen ihr bedingungslosen Respekt.

Was also, wenn die Angst und das aus ihr abgeleitete Handeln nun doch übertrieben oder unverhältnismäßig sein mögen? Oder der Objektbezug falsch wäre, das heißt, nicht der Sensenmann, sondern ein milliardenschwerer Computermogul an der Haustür zu klopfen droht?

Ob wir wollen oder nicht: Corona zwingt jedes für Informationen zugängliche Individuum dazu, eine Haltung einzunehmen. So wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann man neuerdings auch nicht nicht zum Virus Stellung beziehen. Denn Intensität, Ausprägung und Bezugspunkte der Angst sind nicht mehr reines Privatvergnügen, sondern zwingen zu einer klaren gesellschaftlichen Positionierung – was wiederum Angst auslösen kann.

Nebst der rein körperlichen Bedrohung scheint Coronaangst somit als Spezifikum eine ganz neue Dimension einzunehmen, da sie auch eine stark zeitliche und soziale Komponente besitzt: Muss ich die Angst hegen, in nur wenigen Monaten rückblickend falsch gehandelt zu haben? War ich chlafschaf, Verschwörungsvollpfosten oder einfach nur bequem? Habe ich Notwendiges unterlassen oder Unnötiges getan?

Angst in Coronazeiten wird somit einer ihrer wichtigsten Funktionen braubt: die Sinne zu schärfen, Kraft zu aktivieren und in einer aufkommenden Gefahrensituation ein angemessenes Verhalten zu zeigen.

Und wohin mit all der mobilisierten Abwehrkraft, wenn sie nicht gerade in das Basteln von Querdenker-Alubommeln und -Aluhüten eingeht?

Krisen, ob persönliche oder globale, waren seit jeher ein Katalysator für künstlerisches Schaffen. Ob als Sublimierung (Veredelung) oder als reines Coping (Bewältigungsstrategie) verfolgt der kreative Prozess den einen Zweck: Unfassbares greifbarer zu machen!

Da unser Gehirn in der privilegierten Lage ist, mittels Fantasie alle möglichen und unmöglichen Szenarien durchzuspielen, tut es dies auch unentwegt – im besten Fall mit stolzer Präsenttion der Lösung, im schlechtesten – und leider häufigeren – Fall mit Verstärkung und Ausschmückung der ohnehin schon bestehenden Befürchtungen.

Das darüber Reden, das tägliche Verfolgen von Statistiken oder das Auswählen eines Lieblings-Virologen wirken hier wie verzeifelte und nur unzureichende Versuche, der Angst Herr oder Frau zu werden. Das mag schlichtweg daran liegen, dass Worte und Zahlen allein oft nicht genügen.

In Studien konnte nachgewiesen werden, dass eine erhöhte Aktivität in der Amygdala (dem Gefühls- und somig Angstzentrum des Gehirns) reduziert werden kann, wenn die Person ihre Emotion benennt. Zeitgleich scheint ein solches Aussprechen den rechten prä-frontalen Kortex zu stimulieren, also einen Bereich, der allgemein für Problemlösungen zuständig ist. Nicht umsonst erfreuen sich Tagebücher ungebrochener Beliebtheit. Und auch frühere Kulturen wussten schon, dass die Kenntnis des Namens mit dem Machtbesitz über das Objekt verknüpft zu sein scheint, weshalb Rumpelstilzchen zu Recht um sein Geheimnis bangte – denn der Name drückt fassbar das Wesen des Trägers aus. Die Nennung des Dämons fixiert und löst ihn auf.

Nicht greifbare, nicht benennbare und damit ohnmächtige Angst geht einher mit dem Verlust des subjektiven Kontrollerlebnis, was in der Regel wiederum zu Gefühlen der Resignation und Depression führt.

Die bildende, visualisierende Kunst kann uns womöglich helfen, in Situationen mit eben diesen unausprechlichen Ängsten, für die sich keine Worte finden lassen, darüber hinausgehende alternative Ausdrucksformen zu entdekcne oder Bildsprachen zu entwicklen, die wiederum die Fassbarkeit und Erträglichkeit fördern.

Materialisierte Angst bleibt zwar Angst – doch verliert sie dabei etwas von ihrem Schrecken.

Die hier abgebildeten Werke sind ein kleiner Ausschnitt aus dem visualisierenden Schaffen des Psychotherapeuten Andreas Wacker, dessen Gemälde mich in diesem Kontext in letzter Zeit ganz besonders beeindruckt haben. Malen ist sein Tagebuch, in dem er Alltag, Gedanken, Erlebtes und Erlittenes, ob eigenes oder gehörtes, konserviert. Jeder Pinselstrich erzählt eine persönliche Geschichte. Sein Beimischen gängiger Psychopharmaka bleibt dabei nicht immer nebenwirkungsfrei.

www.andreaswacker.net


„Wir finden schon nach Hause…“, Teil 3: Wendepunkt der Menschheitsgeschichte?

In den Zeilen, die Marcus Staiger im April bei Facebook veröffentlichte, schwingt Resignation mit. Der Musikjournalist und Wegbereiter des deutschen Hip-Hops schilderte, dass er angesichts der nahen Lockerung des Lockdowns einen „Albtraum“ habe: „Statt wirklich mal darüber nachzudenken, ob das alles hier so läuft, wie es laufen könnte oder sollte“, dürfte die Menschheit schon bald feststellen, das von dem „anfänglichen Innehalten, Nachdenken, Pause machen, Atemschöpfen nichts übrigbleibt“. Sein Beitrag endet mit dem Hashtag #systemchange.

Seit den Tagen der ersten Maßnahmen wird die Frage „Was macht die Krise mit uns?“ in den Medien verhandelt und auch viele „private“ Gespräche kreisen um dieses Thema. „Shutdown als Chance“ oder „Warum unsere Welt nach der Krise eine bessere sein könnte“ heißt es da. Auch die zeitgenössischen Philosophen von Agamben bis Žižek haben sich längst positioniert. Wo ersterer anfangs noch von der „Erfindung einer Epidemie“ sprach, befürchtet er nun, der Ausnahmezustand werde „das neue Organisationsprinzip der Gesellschaft“. Žižek hingegen legte sich früh fest: „Das ist das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“. 

Der Kulturwissenschaftler Marcus Quent wies unter dem treffenden Schlagwort „Selbstversicherungsseuche“ unlängst darauf hin, dass auch Soziologen in Deutschland meist in den Denkmustern ihrer eigenen Theorien verharren. Hartmut Rosa sieht in der Coronakrise seine Ideen zur Entschleunigung bestätigt, Heinz Bude seine Gedanken zur Solidarität. Zugleich mobilisieren aber auch die Advokaten des Bestehenden. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, warnte im Tagesspiegel vor der Hoffnung auf die Abschaffung des Kapitalismus und davor, dass „der totale Staat die Lösung sein könnte“. Die Aushandlung der Welt nach Corona scheint im vollen Gange. Die Erkenntnisse für die Zukunft können aber zu diesem frühen Zeitpunkt nur aus der Schublade von gestern kommen.

Die Gelegenheit zu einer Neugestaltung der Welt?

Gewissheit gibt es bisher einzig über die Singularität der momentanen Situation: In diesem Ausmaß und in der Gleichzeitigkeit hat die Menschheit eine Pandemie noch nicht erlebt. Eine Krise, die global nahezu alle Lebensbereiche berührt, vom Gesundheitssystem bis zu den Aktienindizes, von der Kinderbetreuung bis zum Klopapierfachhandel. Es ist gerade ihr tiefgreifender Charakter, der bei vielen Beobachtern zu einer Hoffnung auf einen ebenso tiefgreifenden Wandel führt. Die kapitalismuskritische Publizistin Ulrike Herrmann spricht von der „Corona-Dämmerung für den Neoliberalismus“, die kanadische Globalisierungskritikerin Naomi Klein erhofft sich nun einen „Green New Deal“ und auch bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung werden eifrig die „Gelegenheitsfenster für linke Politik“ geputzt. 

Zwischen den Zeilen scheint beinahe ein gewisses Frohlocken auf. Ein revolutionäres Pathos, das einen utopischen Überschuss der Konstellation heraufbeschwört. Da ist sie endlich: Die lang ersehnte Gelegenheit zu einer Neugestaltung der Welt. Im Gegensatz zur globalen Wirtschaftskrise nach 2008 ist es aber keine immanente Krise des Systems – sondern eine von außen. Auch eine nichtkapitalistische Welt müsste mit vergleichbaren Strategien reagieren. Trotzdem scheint es, als gäbe es die stille Übereinkunft: Je länger die Einschnitte, desto größer wird das Potenzial für eine Umwälzung. 

Die Rhetorik vom Virus, das etwas mit uns macht, entlarvt dabei auch ein Denken, wonach die Welt scheinbar aus sich heraus zur Vernunft kommt. Hegel soll einst in Napoleon den „Weltgeist zu Pferde“ gesehen haben, schließlich wälzte der französische Feldherr zu Beginn des 19. Jahrhunderts die politische Landschaft Europas um. Nun scheint es, als reite der Weltgeist auf einem Virus herbei. Walter Benjamin schrieb einmal, dass Revolutionen „der Griff des Menschengeschlechts nach der Notbremse“ seien. 

Jetzt hat Sars-CoV-2 einen Knüppel zwischen die Beine des Weltenlaufs geworfen – ein Virus, nicht einmal ein Lebewesen, zwingt das Menschengeschlecht zum Griff zur Notbremse. Doch nicht wenige verwechseln das Stolpern mit Revolution. Wo zwangsläufig eine Repolitisierung der Verhältnisse herbeigeredet wird, ist diese Heilserwartung womöglich gar ein Ausweis eines gewachsenen entpolitisierten Bewusstseins. Statt die Voraussetzung für einen neuen Geist zu schaffen, sich wirklich der Offenheit der Erfahrung auszusetzen, wird die Welt von morgen schon jetzt in den buntesten Farben ausgepinselt. 

Vermeintlich Selbstverständliches wird wieder diskutierbar

Nicht zu verleugnen ist, dass die Störanfälligkeit der Gesellschaft offenbar wird. Doch eine Lehre aus der Krise ist ohne die gründliche Reflexion auf die Gründe und ohne eine Analyse der ihr zugrunde liegenden sozio-ökonomischen Verhältnisse nicht zu haben. Im besten Falle entstehen dafür derzeit Risse in der Verpanzerung des alltäglichen Betriebs. Ein Knacks, der Frischluft in die blinde Betriebsamkeit bringt. Vielleicht wird bisher vermeintlich Selbstverständliches endlich wieder diskutierbar. Eine Gelegenheit, die Wirklichkeit mit den Normen zu konfrontieren, auf welche sie sich beruft – und deren Nichteinlösung in der Krise offenbar wird. Man denke an beschämende Arbeitsverhältnisse und schlechte Bezahlung in der Care-Arbeit bis hin zur Ausrichtung von kritischer Infrastruktur an Profitinteressen. 

Massive staatliche Eingriffe, die vor kurzem als marktfeindlicher „Nanny State“ verschrien wurden, erscheinen plötzlich als einziges Mittel zur Rettung. Verfechter von Privatisierung und der „schwarzen Null“ rufen nach dem Staat. Die von Margaret Thatcher bis Angela Merkel propagierte Alternativlosigkeit zur Marktlogik wird einmal mehr als Ideologie überführt. Es gibt Alternativen. Es gab sie auch immer. Weil es sie geben muss. Das ist wohl auch in der Klimadebatte nicht mehr wegzureden.

Vielleicht geht das aber auch ohne den triumphalen Charakter der selbstbestätigenden, frühen Gewissheit und dem Rückgriff auf längst zurechtgelegte Überzeugungen. Einer unbekannten Situation mit einer angemessenen Demut zu begegnen, bedeutet auch nicht, tatenlos zuzuschauen. Praktische Solidarität ist auch in einer solchen Zeit möglich. Gegenüber den Bedürfnissen des gebrechlichen Nachbarn, ebenso wie dem Elend der Geflüchteten in Moria.

Die Maßstäbe der Kritik nachjustieren

Carol Emcke sagte kürzlich, sie halte „es für politisch fatal, immer von vornherein jede gesellschaftliche Veränderung für unmöglich zu erklären.“ Man amputiere sich so seine Utopien. Das stimmt, aber wenn die Gesellschaft nicht bei der Glückskeks-Formel „Die Welt wird eine andere sein“ stehen bleiben möchte, müssen in der Krise die Maßstäbe der Kritik nachjustiert werden. Das menschliche Ermessen funktioniert im Ausnahmezustand schlecht und Reflexe waren selten hilfreich für eine bessere Politik.

Der bereits angeführte Hegel sagte auch einmal: „Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ Die Weisheit setzt erst nach der Erfahrung ein. Kein Eingeständnis von Resignation, vielmehr eine Erinnerung, dass unser Denken sich Wirklichkeitserfahrung aussetzen muss. Ob die Ausdauer des Flügelschlags schließlich bis zur Menschheitsdämmerung reicht, zeigt sich erst am Ende der Nacht.

https://www.tagesspiegel.de/kultur/lehren-aus-der-coronakrise-unter-intellektuellen-grassiert-die-seuche-der-selbstversicherung/25720494.html

https://taz.de/Corona-Daemmerung-fuer-Neoliberalismus/!5669238/

https://www.tagesspiegel.de/kultur/carolin-emcke-zur-coronakrise-normalitaet-nur-fuer-einige-aber-nicht-fuer-alle-das-waere-entmuendigend/25737142.html


Der schwere Irrtum der einfachen Wahrheit

Wo Verschwörungsideologen systematisch irren. Wieso Antisemitismus oft ihr Weltbild grundiert und warum Geisteswissenschaften ein Gegenmittel sind.

Es ist ja auch wirklich eine Zumutung. Eine blinde organische Kleinststruktur, die grundlos wie aus dem Nichts erscheint und jede Illusion von Kontrolle plötzlich als solche offenbart. Ein Virus, das alle Routinen irritiert, vermeintliche Sicherheiten blitzartig abräumt – und niemanden kann man verantwortlich machen, keine Macht soll das ausgeheckt haben?

Reflexartig stürmten die Posterboys der verschwörungsideologischen Szene – die Jebsens, Naidoos und Hildmanns – im Zuge der Krise aus der Echokammer hinaus auf die Straße, um die Querfront verunsicherter Antimodernisten unterm Banner der „Wissenden“ zu einen. Was vor ein paar Jahren die Montagsdemo war, heißt in Pandemiezeiten „Hygienedemo“.

Und auch wenn der vielerorts von Nazis und Antisemiten dominierte Protest gerade in die digitalen Nischen zurückkehrt, aus denen er anfänglich herausgequollen war – der als Freigeisterei verkleidete Ungeist ist damit nicht aus den Köpfen verschwunden.

Ordnung im Chaos

In unübersichtlichen und krisenhaften Zeiten ist der Wille zur Mustererkennung stark ausgeprägt, haben einfache Antworten stets Konjunktur: simplifizierende und uralte Mythen, die die Komplexität des Weltgeschehens einebnen, Zufälligkeiten beseitigen helfen und jedes Übel auf Personen reduzieren – meistens auf die üblichen Verdächtigen, die Sündenböcke des Okzidents seit mehr als 2000 Jahren. Denn wo das Böse einen Namen bekommt, ist der „ewige Jude“ als Feindbild nicht weit. Analog zu einer Wendung von Max Horkheimer gilt: Wer vom Antisemitismus nicht sprechen will, sollte auch von Verschwörungsmythen schweigen.

Was aber genau ist die sozialpsychologische Funktion verschwörungsideologischer Weltbilder? Warum haben diese so überaus häufig einen antisemitischen Hintergrund? Welche erkenntnistheoretischen Fehler begehen die einschlägigen Akteure? Zirkulieren solche Mythen heute zahlreicher als früher und was ist ihr historischer Ursprung?

In den vergangenen Jahren ist eine Reihe soziologischer und psychologischer Studien entstanden, die vielfach die Aspekte Sinn- und Identitätsstiftung, Komplexitätsreduktion, narzisstisches Distinktionsbedürfnis sowie Entlastungs- und Sündenbockfunktion untersucht haben. Sicher ist: „Verschwörungstheorien“ – in der Forschung gibt es Kontroversen darüber, ob der Theoriebegriff überhaupt verwendet werden sollte – zwingen dem Chaos eine Ordnung auf.

Sie machen die Geschichte als Ganzes erklärbar. Mit der typischen Vorstellung von der sichtbaren Vorder- und der unsichtbaren Hinterbühne lassen sich noch die widersprüchlichsten Informationssplitter in die handgerechte Metaerzählung vom „großen Plan“ integrieren. Alles ist stets mit allem verbunden, der schwer erträgliche Zufall getilgt. Wie viel Neues dem Verschwörungsideologen dabei auch begegnen mag, sein Weltbild bleibt immer das alte.

Mit vergleichsweise geringem intellektuellem Aufwand bescheinigt er sich selbst ein absolutes Wissen und kann sich zur Schar der Erleuchteten zählen, die den Plan und das Lügenwerk des Bösen decodiert haben. Mit den Worten des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen gesprochen, erlauben Verschwörungsnarrative „eine Sofort-Entwertung jeder offiziellen Information, mit der man sich nicht genau beschäftigen möchte, bei einer gleichzeitigen Totalsuggestion des eigenen Durchblicks“.

Verschwörungsmythen sind selbstimmunisierend

Verschwörungsideologen vierteilen die Menschheit dabei in die heimlichen Herrscher auf der Hinterbühne, die willfährigen Büttel in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien, die eingelullte Masse nachblökender Schafe und die Wissenden und Guten – sie selbst. Die „pathische Projektion“ (Adorno) allen Übels auf eine kleine Gruppe mächtiger Verschwörer schafft eine entlastende Erklärung für die echte oder empfundene Bedrohung durch sozialen und symbolischen Abstieg.

Meist seien ihre Erzählmuster für die Selbstbilder der Akteure absolut zentral, weshalb man ihnen mit Argumenten nicht beikommen könne, sagt der Kulturhistoriker Michael Butter, der vor einigen Jahren ein transnationales Forschungsprojekt zum Thema „Verschwörungstheorien“ gegründet hat, das mehr als 160 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 40 Ländern vereint.

Obwohl „Verschwörungstheorien“ in aller Regel keiner empirischen Überprüfung standhalten können und objektiv falsche Aussagen treffen, lassen sie sich nicht falsifizieren. Dadurch, dass jedes Argument gegen den Verschwörungsmythos letztlich als eines dafür interpretiert wird, sind sie gewissermaßen selbstimmunisierend.

Akademische Wissensgewinnung gründet in der Regel auf sich ändernden Beweismittellagen, sie muss – wie es der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper formulierte – „an der Erfahrung scheitern können“, um überhaupt als Wissenschaft zu gelten.

Alles muss mit allem verbunden werden

Die verschwörungsideologische Erkenntnisproduktion hingegen kommt über ihre vorformulierte Grundannahme niemals hinaus: Die einlaufenden Erfahrungen werden absorbiert und in das maßgebliche Konspirationsnarrativ eingewoben. Was etwa das Coronavirus eigentlich ist, oder wer es zu welchem Zweck hergestellt hat, ist von vornherein festgelegt – und keine zusätzliche Information kann an diesem Umstand etwas ändern.

Zuweilen muss der Verschwörungsideologe bizarre mentale Verrenkungen vollziehen, um jedes empirische Detail in seinen mit Schwarz-Weiß-Logiken und definitiven Verantwortlichkeiten operierenden Mythos einzupassen. Da alles auf alles bezogen werden muss, ist die Komplexitätsreduktion im Großen, wie es Michael Butter formuliert, mit einer „semiotischen Komplexität im Kleinen“ verzahnt. Wie etwa ein wirtschaftlicher Shutdown den Reichen und Mächtigen dienlich sein könnte, leuchtet ja zunächst nicht unmittelbar ein. Doch was nicht passt, wird passend gemacht, und sei die Erklärung noch so obskur.

Naiver Wahrheitsglaube und paranoider Totalzweifel

Ähnlich wie die „alternativen Wahrheitssysteme“ der rechtspopulistischen Lautsprecher von Trump bis Bolsonaro ist das Verschwörungsdenken laut Pörksen ein erkenntnistheoretischer Zwitter. Denn zwei gegensätzliche Erkenntnisprogramme sind für dessen Wahrheitssuche maßgeblich. Was offizielle Wahrheiten angeht, ist der Verschwörungsideologe ein radikaler Skeptiker – die inoffizielle Version der Geschichte wird hingegen als Dogma gesetzt.

Der naive Wahrheitsglaube auf der einen und der paranoide Totalzweifel auf der anderen Seite bedingen auch den unausgewogenen Blick auf die Quellen für und wider den eigenen Standpunkt, der Verschwörungsideologien grundsätzlich anhaftet. Das Offizielle ist immer gelogen, das Inoffizielle muss notwendig stimmen.

Verschwörungsmythen und andere Fake News sind also keineswegs mit konstruktivistischen Theorien zu verwechseln, die generelle Zweifel an „Wahrheit“ formulieren. Zwar vereinnahmen Verschwörungsideologen bisweilen aus argumentationstaktischen Gründen die postmoderne Einsicht, dass auch wissenschaftliches Wissen niemals vollkommen unabhängig von politischen Standpunkten, normativen Einstellungen und kulturellen Kodierungen ist.

So stellte der französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour einmal fest, dass die meist reaktionären Vertreter „alternativer Fakten“ – etwa die Leugner des Klimawandels – einen ursprünglich emanzipatorischen, auf Machtkritik abzielenden Relativismus für ihre eigene Agenda in Beschlag genommen haben. Ein solcher bestimmt aber keineswegs den grundsätzlichen Modus ihres Denkens.

Ein falsches Verständnis der Geschichte

Folgt man Karl Popper, ist der größte Fehler von „Verschwörungstheorien“ jedoch, dass sie mit völlig falschen Annahmen darüber einhergehen, wie Gesellschaft, Politik und Geschichte funktionieren. Sie rechnen nämlich, wie Butter erklärt, mit einer absoluten Planbarkeit historischer Prozesse durch einige wenige Strippenzieher. Die Finanz-, die Flüchtlings- oder die Coronakrise werden somit als alleiniges Ergebnis individueller Absichten missdeutet.

Einem rein mechanistischen Weltbild folgend lässt das Verschwörungsdenken die systemischen Widersprüche und strukturellen Effekte moderner Gesellschaften sowie den Hang der Geschichte zum Zufall außen vor.

Butter vermutet, dass Geistes- und Sozialwissenschaftler, die sich ständig mit der Wirkmacht von Strukturen befassen, weniger zu verschwörungsideologischem Denken tendieren, als naturwissenschaftlich gebildete Personen. Ein Grund, weshalb die Sozialwissenschaften auch im Schulunterricht eine prominente Rolle einnehmen sollten.

Insgesamt hat die Forschung offenbart, dass besonders diejenigen für die mechanistische Denkart von Verschwörungsideologien anfällig sind, die schlecht mit Unsicherheit und Kontingenz umgehen können. Zwar glauben bildungsferne Personen, oder solche, deren Meinungsbildungsprozess sich ohne kritisches Korrektiv im Dunkeln vor dem heimischen Rechner vollzieht, tendenziell eher an Verschwörungsmythen als Menschen, die Universitäten besuchen.

Den typischen Verschwörungsideologen aber gibt es nicht wirklich. Er oder sie kommt in allen Geschlechtern, Schichten, Kulturen und Religionen vor. Zwar neigten statistisch betrachtet eher Männer zu verschwörungsideologischem Denken als Frauen, sagt Butter. „Dass Verschwörungstheoretiker fast immer einsame Wölfe sind, ist aber doch ein überholtes Klischee.“

Aktuell drängt sich jedenfalls der Eindruck auf, dass Verschwörungsnarrative verstärkt vom Rand her in die Mitte der Gesellschaft sickern. Dass die Welt – und mithin das globale kapitalistische System – seit einigen Jahren von einer Krise zur nächsten stolpert, scheint ihnen einigen Auftrieb zu geben. Die Verbreitungswege der digitalen Welt tun indessen ihr Übriges und tragen zur Verdichtung der Verschwörungsszene bei. Dies bedeute aber keineswegs, dass „Verschwörungstheorien“ heute einflussreicher seien als noch zu früheren Zeiten, sagt Butter.

Nachtseite des Logos

Im Gegenteil: Bis in die 1960er-Jahre hinein stellten sie häufig einen maßgeblichen Teil des offiziell verlautbarten Wissens dar. So sei etwa der „konspirationistische Antikommunismus“ in den USA zu Zeiten McCarthys noch mehrheitsfähig gewesen – seit den 1960er Jahren werde er hingegen nur noch von der rechtsextremistischen John Birch Society verbreitet.

Butter erklärt das nicht zuletzt damit, dass die Erkenntnisse der Sozialwissenschaften seit den 60ern in das Alltagswissen vieler Bürger nachhaltig eingegangen seien. Das Verschwörungsdenken wurde delegitimiert, als die Wissenschaft auf breiter Front an Einfluss gewann.

Paradoxerweise gibt es jedoch nicht wenige Forscher, die davon ausgehen, dass das, was man heute Verschwörungsideologien nennt, erst mit der Verwissenschaftlichung der Welt im Anbruch der Moderne an Kontur gewonnen hat. Mit Verweis auf Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ könne man diese als „das Andere der Vernunft“, den Mythos als die Nachtseite des Logos begreifen. Als Gegenbewegung zur Rationalisierung und Abwehrreaktion auf die „Entzauberung der Welt“.

Die Leerstelle, die Gott als Allerklärungsinstanz im Zuge der Aufklärung hinterlässt, wird von den Mächten der Verschwörung eingenommen. Das moderne Individuum, dem seine alten Wahrheiten weggebrochen sind, befriedigt mit dem Mythos seinen Willen zum Wissen.

Vorformen moderner „Verschwörungstheorien“ gab es jedoch schon in der Antike, sagt Butter. Auch wisse man recht wenig über andere Regionen, wie China, Japan oder Indien. Zwar meint der Kulturhistoriker, dass eine mediatisierte Öffentlichkeit, wie sie die westliche Moderne hervorgebracht hat, auch Voraussetzung für ein breites Zirkulieren von Verschwörungslegenden darstellt.

Gegen die „Entzauberungshypothese“ spreche aber unter anderem, dass sich religiöse Menschen in verschwörungsideologischem Denken nicht gerade in Enthaltsamkeit üben. Denn seit der Frühphase der Christenheit – und seit mehr als hundert Jahren auch vielfach im Islam – unterstellt man „den Juden“ Konspiration.

Was „Verschwörungstheorien“ so gefährlich macht, ist letztlich ihre strukturelle Sündenbockfunktion, ihre Herstellung von eindeutigen Feinbildern. Und hier nun kommt der Antisemitismus ins Spiel. Zwar ist nicht jeder Verschwörungsmythos dezidiert antisemitisch. Die Antisemitismusforschung aber zeigt, dass auch vermeintlich „harmlose“ Verschwörungsnarrative an antisemitische Welterklärungsmodelle anschlussfähig sind.

Oft verkoppeln sich einzelne Erzählstränge zu „Superverschwörungstheorien“. Für Verschwörungsideologien anfällige Menschen sitzen selten einem isolierten Mythos auf. Sie entwickeln häufig eine „Verschwörungsmentalität“ und kaufen das komplette Bündel toxischer Papiere, in dem sich als historisch überliefertes Muster auch immer der Antisemitismus verbirgt.

Das Trugbild jüdischer Konspiration

Das Trugbild jüdischer Konspiration ist tief in die kulturelle DNA des Abendlandes (und inzwischen auch des Morgenlandes) eingeschrieben. Der antisemitische Verschwörungswahn ruht als abgelagerte Geschichte im kollektiven Unterbewusstsein der christlich geprägten Hemisphäre und drängt in trauriger Regelmäßigkeit aus der Latenz in die Manifestation.

Vom ursprünglichen Vorwurf des Christusmordes über mittelalterliche Ritualmord- und Brunnenvergiftungslegenden bis zum im 19. Jahrhundert aufkommenden Weltverschwörungsmythos und dem noch heute populären Bild einer vermeintlich jüdischen Kontrolle von Politik, Medien und Finanzwelt schmiegt sich das wahnhafte Ressentiment zuverlässig dem Zeitkontext an.

So ist etwa der Topos von der Brunnenvergiftung zum Märchen der Vergiftung durch „Chemtrails“ mutiert. Die in der Coronakrise aktuell populäre und unter anderem von Xavier Naidoo verbreitete „Adrenochrom-Theorie“, der zufolge ein pädophiles Elitenkartell aus dem Blut von Kindern ein Verjüngungselixier destilliert, stellt hingegen eine von vielen modernen Varianten der Ritualmordlegende dar.

Der mit der nachweislich gefälschten Propagandaschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ einst stark popularisierte Mythos einer jüdischen Weltverschwörung hat als Herzstück der NS-Ideologie dem Holocaust den ideellen Boden bereitet. Aufgrund der gesellschaftlichen Tabuisierung eines expliziten Antisemitismus im Anschluss an die Shoah, äußert sich dessen moderne Variante zumeist in mehr oder weniger offensichtlichen Chiffren oder Codes.

Der Antisemitismus einigt die Querfront

Wenn Verschwörungsideologen nun auch in der Corona-Krise reflexartig die Namen Rothschild oder Soros bemühten, sei der Antisemitismus aber mehr als explizit, sagt Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Gleiches gilt für die irre Unterstellung, Israel habe das Virus geschaffen, um mit einem Impfstoff Geld zu verdienen. Doch auch nichtjüdische Namen wie Gates und Rockefeller oder transnationale Institutionen wie die WHO würden in der Szene häufig „jüdisch gelesen“.

Gleiches gilt für die Schulmedizin, die Pharmaindustrie und andere Phänomene moderner Gesellschaften. Nicht von ungefähr sind antisemitische Weltbilder auch in der esoterischen Szene und im Impfgegner-Milieu verbreitet. Die Querfront eint der regressive Wunsch nach vormodernen, „reinen“ Gemeinschaften. Die moderne, funktional ausdifferenzierte Gesellschaft mit ihren komplexen Widersprüchen ist die mit dem „Juden an sich“ assoziierte Negativfolie einer als einheitlich imaginierten (Volks-)Gemeinschaft.

Im Anschluss an die Attentate von Halle und Hanau schien es, als würde die Gefahr der Verschwörungsmythen in Deutschland erstmals ernsthaft diskutiert. Zumindest für einen kurzen Moment. Die „Hygienedemos“ haben nun ebenfalls eine strohfeuerhafte Debatte bewirkt. Mit dem sukzessiven Rückzug der Verirrten von der Straße hat sich das Thema aber keinesfalls erledigt.

Der Ungeist formiert sich immer wieder neu, man muss ihm die Stirn bieten, wo man ihn trifft, egal ob im privaten oder öffentlichen Raum; im Analogen oder Digitalen. Die Psychologin und Verschwörungsexpertin Pia Lamberty hat mit Studien belegt, dass Verschwörungsideologen nicht selten auch Gewalt als politisch legitime Ausdrucksform erachten. Häufig sind sie nicht bloß verblendete Idioten, sondern Feinde der offenen Gesellschaft.

https://www.saechsische.de/plus/die-mehrheit-der-gemaessigten-schweigt-viel-zu-laut-corona-proteste-5203707.html

https://www.dw.com/de/michael-butter-verschw%C3%B6rungstheorien-sind-nicht-neu/a-53488287

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr2/joerg-thadeusz/audio-michael-butter-amerikanist-und-verschwoerungsforscher-100.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Popper

https://de.wikipedia.org/wiki/Dialektik_der_Aufkl%C3%A4rung

https://www.tagesspiegel.de/wissen/islam-und-antisemitismus-die-wurzeln-des-hasses/21125024.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Juliane_Wetzel

https://www.geistes-und-sozialwissenschaften-bmbf.de/de/Interview-mit-Sozialpsychologin-Pia-Lamberty-M-Sc-2008.html

https://psyarxiv.com/bdrxc/


Böser Mainstream, gute Kritik?

Kritiken & Kommentare zu Kung Fu Panda 2 | Moviepilot.de

Die Neuartigkeit von Sars-CoV-2 und Covid-19 fordert etablierte medizinische und epidemiologische Gepflogenheiten heraus. Diese versuchen, Evidenzen herzustellen, also Forschungsergebnisse, die bestimmte Annahmen stützen oder widerlegen – zum Beispiel, dass ein Medikament bei einer Covid-19-Erkrankung hilft. Evidenzbasierte Medizin orientiert sich an empirischen Belegen statt beispielsweise an unüberprüfbaren Erfahrungswerten von medizinischem Personal. Die individuelle Patientin soll so die beste verfügbare Behandlung erhalten. Dafür wird die bestehende wissenschaftliche Literatur systematisch durchsucht, alle Daten werden zusammengetragen, ihre Validität wird bewertet.

In Deutschland ist dafür das unabhängige Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) verantwortlich. Nach dessen Empfehlung werden Medikamente und Behandlungsmethoden in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen oder eben nicht. Verschiedene Studientypen werden dabei als unterschiedlich verlässlich bewertet. Während einzelnen Fallbeobachtungen ein geringer Evidenzgrad zugesprochen wird, gelten größere randomisierte Studien mit Kontrollarmen in der Regel als qualitativ hochwertig. Bei solchen Studien werden Probandinnen und Probanden zufällig auf eine Therapiegruppe und eine nicht therapierte Kontrollgruppe verteilt. Zusammengefasst sollen die Daten aus verschiedenen Studien verlässliche Empfehlungen für die medizinische Praxis ermöglichen.

Was passiert aber, wenn die Datenlage unvollständig ist, weil nicht genug Zeit für größere Studien war? Oder wenn es nicht nur um die Behandlung einzelner erkrankter Personen geht, sondern politische Beschlüsse gefasst werden müssen, die Datenlage aber unklar ist? Dann müssen Prognosen und Modelle, die zum Teil nur auf Einschätzungen von Expertinnen und ­Experten basieren, für kurzfristige Entscheidungen ausreichen. Diese Schwierigkeit, ohne ausreichendes Wissen die Pandemie einzudämmen und Menschenleben zu retten, zeigt sich auch in einer Stellungnahme des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin e. V. (EbM-Netzwerk) vom April. Die Autorinnen und Autoren stellten anhand der vorhandenen Daten Mitte April fest, dass es »keine zuverlässigen Zahlen zu der Letalität von Covid-19« gebe. Außerdem gebe es »wenig Evidenz« für die Wirksamkeit von Maßnahmen wie social distancing, ­weder deren Nutzen noch ein möglicher Schaden seien belegt. Dennoch, so die Stellungnahme, seien solche ­Maßnahmen sinnvoll, weil es zurzeit »das einzige ist, was getan werden kann«.

Seit Beginn der Pandemie arbeiten weltweit unzählige Forschungsteams daran, Daten zu dem Virus zu generieren sowie Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten zu entwickeln. Die globale Erwartung an die Wissenschaft, schnell eine Lösung für die Coronakrise zu finden, verstärkt bereits vorhandene problematische Tendenzen. Die Notwendigkeit, zu publizieren, um im akademischen Betrieb nicht unterzugehen, erzeugt eine immer größere Anzahl wissenschaftlicher Manuskripte, bis zu deren Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift mehrere Monate vergehen können.

Als Gegenmittel haben sich in den letzten Jahren preprint servers etabliert. Auf diesen Plattformen laden Forschende ihre Ergebnisse hoch, um sie den Kollegen und Kolleginnen sofort zugänglich zu machen – vor der peer review, also noch ohne unabhängige Überprüfung durch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie haben einige der Plattformen zusätzliche Kontrollen eingeführt. Diese können zwar eindeutig verschwörungsideologische Inhalte herausfiltern, eine gründliche Überprüfung können sie aber aufgrund der großen Menge an Publikationen nicht leisten. Die Inhalte übernehmen Journalistinnen und Journalisten dennoch oft ungekennzeichnet als wissenschaftliche Fakten.

Schon für Fachleute ist es nicht einfach, die große Menge an neuen Studien zur Kenntnis zu nehmen und deren mitunter widersprüchliche Ergebnisse einzuordnen. Für Laien, die versuchen, über die Lage informiert zu bleiben, ist dies erst recht schwierig. Zudem entstehen nicht alle verfügbaren Informationen aus einem edlen Wettstreit in der Wissenschaft. Pharma­unternehmen, die im Wettrennen um das erste wirksame Medikament und den ersten Impfstoff auf große Gewinne hoffen, finanzieren viele Studien, Politiker erhoffen sich Argumente für ihre Lockerungspläne, und große Medienhäuser wollen Aufmerksamkeit generieren, indem sie die Studienergebnisse bekannter Virologen in den Dreck ziehen. Wer hier welche Informationen mit welcher Intention präsentiert, ist also oft einen zweiten Blick wert.

Mitte Mai warnte der Verband Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ) in einer Stellungnahme davor, dass auch Kolleginnen und Kollegen das Evidenz-Wirrwarr und »die krisenhafte Situation ausnutzen«, um »öffentlich beispielsweise als ›die wahren Aufklärer‹« aufzutreten. Kritisch sein heiße jedoch nicht, »sich die Welt so zusammenzuspinnen, wie es uns am besten passt«. Nicht alle Coronaverharmloser sind Rechte. Einige der selbsternannten Aufklärerinnen und Aufklärer finden sich auch in der Linken. So sorgte die Herangehensweise des Berliner Praxiskollektivs in der Reichenberger Straße für hitzige Diskussionen in gesundheitspolitischen und linken Kreise und war für den VDÄÄ ein Auslöser für die kritische Stellungnahme. In einem Aufruf »Gegen das Diktat der Angst« hatte das Paxiskollektiv Ende März geäußert, es behandele »keine Grippewelle, sondern eine Welle aus Angst und Verunsicherung«, und »eine Rücknahme der das Gesundheitssystem beeinträchtigenden Maßnahmen« gefordert. Auf seiner Webseite sammelt das Kollektiv bereit seit Februar »wissenschaftliche Beurteilungen der Corona-Pandemie abseits des Mainstreams«, um »jedem die Gelegenheit zu geben, sich selbst ein Bild zu machen«. Als abseits des Mainstreams gelten dabei vor allem Stimmen, die eine Übersterblichkeit durch Covid-19 anzweifeln. Auch im Interview mit der Taz Mitte Mai betonten die beiden Ärzte Michael Kronawitter und Claudius Loga, dass weiterhin unklar sei, wie gefährlich Sars-Cov-2 tatsächlich ist. Sie wollten die Gefahr »nicht verharmlosen, sondern relativieren«. Ob die Bewertung einer Situation jedoch Angstmache oder Verharmlosung ist, entscheidet sich offensichtlich in Relation zu der realen Gefahr.

Auch die österreichische Initiative für evidenzbasierte Coronainformationen, die sich selbst als »weder links noch rechts« einordnet, gibt sich wissenschaftlich. Sie setzt sich mit Kundgebungen gegen Maßnahmen wie die Maskenpflicht ein und leugnet die Gefährlichkeit des Virus. Sie hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, auf ihrer Website Fachartikel »herauszufiltern, die einen kritischen Zugang zur Thematik enthalten«. Damit konterkariert die Initiative ihren eigenen Namen. Schließlich geht es bei evidenzbasierter Medizin darum, alle seriösen wissenschaftlichen Ergebnisse systematisch zusammenzutragen. Zudem verlinkt die Initiative nicht nur Studien mit Daten, sondern auch opinion papers, also Kommentare – ohne die Unterschiede im Evidenzgrad der verschiedenen Quellen kenntlich zu machen.

In beiden Fällen geben sich die Coronaverharmloser seriös, sie haben selber Doktortitel und treten als Wissenschaftler auf. Ohne Fachwissen ist dem argumentativ kaum zu begegnen. Nur wissenschaftliche Expertisen oder Studien zu zitieren, ist aber keine Aufklärung. Es ist vielmehr wichtig, Ergebnisse und Meinungen einzuordnen und zu erklären, was seriöse Studien auszeichnet. Zudem müssen Forschende selbstkritisch sein und ausweisen, wo wissenschaftliches Wissen seine Grenzen hat. Wie der VDÄÄ schreibt: »Unsicherheiten sind Teil des Lebens und auch der medizinischen Wissenschaft.«

  • Thanks to Isabelle Bartram!

Die Sache mit den Mäusen, Teil 2 – Die gesellschaftliche Natur des Menschen

Die gesellschaftliche Natur des Menschen„.

In dieses Wort-Ensemble habe ich mich in letzter Zeit geradezu verliebt. Es vermittelt eine Ahnung darüber, dass für ein Verständnis des Menschen „Natur“ und „Gesellschaft“ in einem Prozess zusammen gedacht werden sollten. Und es scheint mir ein gedanklicher Einstieg in die „großen Fragen“ zu sein, die die Krisen-Diskussionen in den letzten Wochen ausgelöst haben: Sind Menschen Tiere, von Gott geschaffen oder gar die Krone der Schöpfung? Zerstören sie in ihrem Kampf um Konkurrenzvorteile die Grundlage ihrer Existenz? Lässt sich die Sichtweise „Der Mensch ist ein Parasit, der die Erde zerstört“ mit einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik zusammen denken? Die Antworten auf diese Fragen haben große gesellschaftliche Bedeutung. Ohne Anspruch darauf, diesen vielen „großen Fragen“ auch nur annähernd gerecht zu werden, hier einige Gedanke, die davon ausgehen, dass die »gesellschaftliche Natur des Menschen« sie zu gemeinschaftlich produzierenden Lebewesen macht.

Seit Anbeginn der Wissenschaft streiten Menschen um die Frage: Was ist der Mensch? Ein von Gott geschaffenes Wesen, sich die Erde und die Tiere untertan zu machen, wie es in der Bibel heißt? Oder ein Affe, der bloß sprechen gelernt hat, wie es manche in Anknüpfung an die Erkenntnisse von Charles Darwin vertreten? Klar ist: Der Mensch stammt vom Affen ab. Er unterscheidet sich aber von diesem und von allen anderen Tieren vor allem durch seinen Sprach- und Werkzeuggebrauch.

Die christliche Kirche hat Darwins Erkenntnisse lange geleugnet, da sie sich nicht mit ihrer heiligen Schrift vereinbaren ließen – bis heute ist die Evolutionslehre bspw. in manchen US-amerikanischen Schulen verpönt. Dort gilt: Wer einen Teil der christlichen Lehre in Frage stellt, stellt alles in Frage und damit auch den kulturellen Einfluss der kirchlichen Funktionäre auf »ihre« Gemeinden. Die Frage »Was ist der Mensch?« ist also auch und vor allem eine Herrschaftsfrage.

Menschenbild

Während des deutschen Faschismus wurde Darwins Theorie dafür benutzt, behaupten zu können, dass die evolutionäre Auslese des überlebensfähigsten Genmaterials auch bei Menschen stattfinden würde. Damit wurde die deutsche imperiale Eroberungspolitik als »Rassenkrieg« legitimiert, um von den kapitalistischen Verwertungsinteressen der deutschen Unternehmen als treibende Kraft für die Weltkriege abzulenken. Ein bitterer Beleg dafür, dass die Beantwortung der Frage »Was ist der Mensch?«, oder kurz gesagt: das Menschenbild, einen großen Einfluss auf die Gestaltung von Gesellschaften hat.

Heutzutage trifft man häufig auf die Aussage »Menschen sind Tiere«, oft als Reaktion auf moralisch von den Aussagenden als falsch angesehene Handlungen wie Gewalt oder ungezügelte Sexualität. Dabei wird unterstellt, dass Menschen sich ihren tierischen »Trieben« gemäß verhalten würden, von denen sie regelrecht »getrieben« würden. Insbesondere wenn diese Auffassung als Anlass genommen wird, Menschen von Entscheidungen auszuschließen, weil sie ja angeblich nur ihren Trieben gemäß und nicht nach Vernunft handeln würden, entpuppt sich die Aussage »Menschen sind Tiere« als Mittel zur Unterdrückung von Menschen durch die Menschen, die sich damit selbst versuchen als die »Vernünftigen« darzustellen, die ihre Triebe unterdrücken könnten, um vernünftig handeln zu können.

Gesellschaftliche Natur des Menschen

Kritische Gesellschaftstheorien stellen dagegen mit der materialistischen Dialektik fest, dass der Mensch zwar vom Tier abstammt, aber die Evolution durch seine arbeitsteilige Vergesellschaftung überwunden hat. Es überlebt eben nicht das »stärkste« Genmaterial, sondern Menschen pflanzen sich in gesamtgesellschaftlichem Maßstab relativ unabhängig von ihren Genanlagen fort. Das bedeutet nicht, dass tierische Organismuseigenschaften keine Relevanz mehr haben, aber die gemeinsame gesellschaftliche Arbeitsteilung dominiert gegenüber den tierischen Eigenschaften. Klaus Holzkamp definiert dabei »Arbeit« als »kollektive vergegenständlichte Naturveränderung und Kontrolle von Naturkräften zur vorsorgenden Verfügung über die gemeinsamen Lebensbedingungen« (Grundlegung der Psychologie, 1985, 176f.).

So gesehen sind Menschen zentral durch ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Arbeit bestimmt, da sie mit dieser ihr eigenes Leben ermöglichen und sich vor Hunger, Krankheit und Tod schützen. Weder wurden sie von Gott geschaffen – auch wenn sie sich Tiere und Natur “Untertan machen” – noch kämpfen sie einfach bloß um das Überleben des Stärksten. Stattdessen sind sie Wesen, die darauf angewiesen sind, über die Ausgestaltung der Arbeitsteilung und damit auch ihren eigenen Platz darin zu verfügen: Produziere ich für andere und werde ausgebeutet und unterdrückt oder produziere ich gemeinsam mit anderen für mich selbst und alle? Nur bei der zweiten dieser – zugegeben holzschnittartien Varianten – kann davon gesprochen werden, dass die gesellschaftliche Natur des Menschen sich würdevoll realisiert.