Ideologie der Hungerkrise

Verzerrung der Wirklichkeit by Leonie He

Wie das neurechte Gerede von der „Überbevölkerung“ der Erde der Barbarei den Weg ebnet.

Das größte Problem der Menschheit sei sie selbst – auf diesen Nenner lässt sich eine der ältesten, archaischen Ideologien bringen, die den Aufstieg des Kapitals zur globalen Totalität begleitete. Die gegenwärtige globale Hungerkrise lässt zuverlässig das Narrativ von der Überbevölkerung der Erde aufkommen, die insbesondere im globalen Süden verortet wird.

Die bei solchen Gelegenheiten in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems erhobene Klage, wonach es einfach zu viele Menschen in dessen Peripherie gebe, wird dabei oftmals mit kulturalistischen oder rassistischen Ressentiments angereichert – etwa gegen „Afrikaner“, die sich zu sehr „vermehrten“.

Bei der gegenwärtigen kapitalistischen Hungerkrise kontrastiert aber millionenfaches Elend mit materiellem Überfluss an Lebensmitteln, der nicht mehr in Warenform verwertet werden kann, was folglich zu einer gigantischen Lebensmittelvernichtung führt – während zugleich unzähligen Menschen buchstäblich der Hungertod droht.

Das Gerede von der überbevölkerten Erde wandelt somit diese massenmörderischen Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise mittels der Personifizierung der systemischen Krisenursachen in Ideologie, in die Rechtfertigung des Bestehenden, indem es die Opfer der Hungerkrise zu deren Verursachern erklärt – und ihnen ihre bloße Existenz zum Vorwurf macht.

Zuverlässig wird diese Klage von der neuen deutschen Rechten, etwa der mit Rechtsextremisten und Nazis durchsetzten AfD, erhoben, die die „Überbevölkerung“ zu einem der Hauptprobleme des afrikanischen Kontinents erklärt. Doch auch in gutbürgerlichen, sich gerne seriös gebenden Blättern wie der Süddeutschen Zeitung (SZ) wird immer wieder ein ähnliches Narrativ gepflegt, wonach es schlicht zu viele Menschen gebe, die zu viele Ressourcen verbrauchten.

Diese durch ihre Primitivität bestechende Argumentation hat eine lange Tradition. Die Überbevölkerungsideologie, der Malthusianismus, ist tatsächlich so alt wie der Kapitalismus. Der Erfinder dieser Ideologie, der englische Pfarrer Thomas Robert Malthus, imaginierte schon am Ende des 18. Jahrhunderts eine überbevölkerte Welt, die sich ihrer Überschusspopulation periodisch durch Seuchen, Hunger und Krieg auf natürlichen Weg „entledigen“ würde.

„Überbevölkerung“ im 18. Jahrhundert

Was Malthus zur Ausbildung seiner Wahnidee verleitete, die frühkapitalistische Welt des 18. Jahrhundert als „überbevölkert“ zu imaginieren, war eben das massenhafte frühkapitalistische Elend, der Pauperismus, den das Kapital bei seinem historischen Durchbruch fabrizierte. Der englische Pfarrer sah sich mit der Masse verarmter, ökonomisch „überflüssiger“ Landbevölkerung konfrontiert, die im Rahmen der kapitalistischen Transformation des Agrarsektors im Vereinigten Königreich produziert wurde – und aus der das Proletariat des 19. Jahrhunderts hervorgehen sollte.

Die Bauern und Kleinpächter wurden zwecks Wollproduktion für die aufkommende Textilindustrie von ihrem angestammten Land vertrieben, ins lebensbedrohliche Elend gestoßen, bevor sie später in die Textilfabriken getrieben wurden.

Die massenhafte Elendsexistenz der Opfer der „ursprünglichen Akkumulation“ in Großbritannien, die Karl Marx im berühmten 24. Kapitel seines Hauptwerks „Das Kapital“ eingehend beschrieb, wurde somit von Malthus als Ursache des frühkapitalistischen Pauperismus fehlinterpretiert. Diese Ideologie, die den Opfern der unzähligen kapitalistischen Katastrophen ihre bloße Existenz zum Vorwurf macht, erlebt folglich gerade in Krisenzeiten immer wieder Konjunkturen – wobei sie auch gegenwärtig zu einem festen Bestandteil der Narrative der neuen Rechten avancierte.

Zwischenfazit: Sobald das Kapital in Krisenschüben größere Massen an Menschen ökonomisch überflüssig macht, vermehren sich auch die Malthus-Anhänger wie die Karnickel.

Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass – allen Produktivitätsfortschritten zum Trotz – die Weltbevölkerung tatsächlich nicht ins Unendliche ansteigen kann, da irgendwann die Ressourcen des Planeten Erde erschöpft sein werden. Darauf spielte etwa ja die Süddeutsche Zeitung an, als sie konstatierte, „die Menschheit“ verbrauche so viele Ressourcen, dass „eineinhalb Erden nötig wären“, um dieses Verbrauchsniveau aufrechtzuerhalten.

Zahlen, Daten, Fakten

Es lässt sich somit durchaus fragen, ob die Weltbevölkerung bereits eine Höhe erreicht, die eine Ernährung der Menschheit unmöglich mache. Der Malthus des 18. Jahrhunderts kann als ein gemeingefährlicher Spinner abgestempelt werden – doch vielleicht hat er im 21. Jahrhundert plötzlich Recht?

Und, vor allem, es muss nüchtern der Frage nachgegangen werden, in welchem Zusammenhang Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum stehen? Steigt der Verbrauch von Energie, Nahrung und Rohstoffen tatsächlich mit dem Wachstum der Bevölkerung, oder treiben andere soziale Faktoren diesen ökologischen Verbrennungsprozess, den die SZ beklagte und mit Bevölkerungswachstum in Zusammenhang brachte?

Dass es derzeit genug zu Essen für alle Erdenbürger gäbe, würde es nur effizient produziert und verteilt, steht außer Zweifel. Laut dem Weltagrarbericht könnten bei dem heutigen Stand der Produktivkräfte bis zu 14 Milliarden Menschen auf der Erde ernährt werden, wenn die global hergestellte Nahrung „so effektiv wie möglich“ genutzt würde. Derzeit leben auf unserem Planeten rund 7,7 Milliarden Menschen. Das menschenfeindliche Gerede der Überbevölkerungsideologen, es gebe zu viele Menschen auf der Welt, um sie satt zu kriegen, ist somit sachlich falsch.

Doch wie sieht es mit der Zukunft aus, in der die weltweite Nahrungsproduktion sich mit den Folgen des kapitalistischen Klimawandels und der ökologischen Verheerungen konfrontiert sehen wird, die von der Agrarindustrie in den vergangenen Jahrzehnten verbrochen worden sind?

Entsprechende Studien des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen kamen zu ähnlichen Schlussfolgerungen: eine globale Hungerkatastrophe kann sehr wohl abgewendet werden, es könnten 2050 neun Milliarden Menschen, 2100 sogar 11 Milliarden ernährt werden. Dies könne aber nur gelingen, wenn die Art des landwirtschaftlichen Anbaus sich ändere, der Verbrauch von Ressourcen heruntergefahren werde (PIK), und umfassende Investitionen im dreistelligen Milliardenbereich (UN) in den Agrarsektor insbesondere in der Peripherie erfolgten.

Auf den Punkt gebracht: der globale kapitalistische Agrarsektor, der die ungesunde und ressourcenverschlingende Nahrungsherstellung in der Form eines möglichst profitablen Geschäfts betreibt, muss einer grundlegenden Transformation unterzogen werden.

Um vermittels Nahrungsproduktion aus Geld möglichst viel Geld zu machen, werden derzeit Böden ausgelaugt und überdüngt, werden möglichst lange Wertschöpfungsketten in Gestalt von regelrechten Fleischfabriken aufgebaut, um die Konsumenten mit ungesundem Chemiefraß vollzustopfen, so dass ein großer Teil der chronischen Krankheiten in den Industrieländern (Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etc.) ernährungsbedingt ist. Eine gesunde Ernährung, die sich am Wohl des Menschen orientierte und nicht mehr dem Diktat des Profits unterworfen wäre, könnte somit zu einer ressourcenschonenden Wirtschaftsweise beitragen.

Somit ist zumindest geklärt, dass derzeit von einem tatsächlichen Nahrungsmangel nicht die Rede sein kann. Es gibt genug zu essen für alle Menschen. Der global zunehmende Hunger ist Ausdruck der ökologisch ruinösen, kapitalistischen Misswirtschaft, der Nahrung nur als Mittel zum Selbstzweck des Profits dient – und nicht Folge einer „Überbevölkerung“.

Die obigen Studien sprechen überdies davon, dass auch künftige Hungerkrisen durch einen umfassenden Umbau des globalen Agrarsystems verhindert werden könnten.

Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum

Doch wie sieht es mit den Zusammenhang zwischen dem steigenden Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum aus? Werden gerade dort, wo die Bevölkerung besonders schnell wächst, besonders viele Ressourcen verbraucht? Ist doch etwas dran an dem Geraune der Malthus-Anhänger?

Schon ein erstes Beispiel macht die Absurdität dieser Argumentation offenbar: Der Energieverbrauch im gesamten Afrika, das ein rasantes Bevölkerungswachstum aufweist, hat sich seit 1990 auf 19,87 Exajoule rund verdoppelt. Das von einer rasanten kapitalistischen Modernisierung erfasste China – dessen Bevölkerung in denselben Zeitraum stagnierte – konnte seinen Energieverbrauch hingegen vervielfachen: auf 141,7 Exajoule. Bei vergleichbarer Bevölkerungszahl verbraucht China, wo jahrelang die Ein-Kind-Politik galt, nun rund die achtfache Energiemenge Afrikas.

Da der Klimawandel künftig die Welternährung bedrohen könnte, ließe sich auch fragen, inwiefern die CO2-Emissionen der rasch wachsenden Bevölkerung Afrikas zur Destabilisierung des Weltklimas beitrugen: Vor rund einer Dekade lagen die Emissionen des gesamten afrikanischen Kontinents unter denen der Bundesrepublik, die insbesondere im Osten des Landes inzwischen Räume ohne Volk ausbildet. Derzeit ist der gesamte Kontinent für gerade mal für zwei bis drei Prozent der globalen Emissionen verantwortlich.

Weitere Daten machen das Bild noch klarer: Der regelmäßig publizierte ökologische Fußabdruck bemisst die Nachhaltigkeit des Ressourcenverbrauchs, indem er die Differenz zwischen der ökologischen Kapazität und der ökonomischen Ressourcenentnahme in Ländern oder Regionen angibt. Demnach ist beispielsweise die Ressourcenextraktion in der EU – wo das Bevölkerungswachstum stagniert – eindeutig nicht nachhaltig, da sie die Biokapazität Europas um den Faktor 2,1 überschreitet.

Rund zwei Erden wären somit notwendig, um den Ressourcenverbrauch Europas global aufrechterhalten zu können. Ähnliches gilt für Nordamerika, das einen Faktor von 1,7 aufweist. Afrika weist hingegen einen Wert von nur 1,1 auf – der Kontinent verbraucht kaum mehr Ressourcen, als im selben Zeitraum regeneriert werden können. Nicht Afrika, wo die Bevölkerung rasch wächst, lebt auf Kosten künftiger Generationen, sondern Europa als ein kapitalistisches Zentrum des Weltsystems, wo es seit Jahrzehnten kein nennenswertes Bevölkerungswachstum mehr gibt.

Ähnliche Ergebnisse hat eine ältere Studie des Umweltbundesamtes zum weltweiten Ressourcenverbrauch zutage gefördert. Der Verbrauch liegt in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems bei vielen Rohstoffen um bis zu 1000 Prozent über dem in der afrikanischen Peripherie. Insgesamt verbrauchten die Bewohner der USA im Schnitt 90 Kilogramm Ressourcen pro Tag, in der EU waren es 45 Kilo – in Afrika hingegen im Schnitt nur 10 Kilo.

Pikanterweise liegt laut der Studie die tägliche Ressourcenentnahme in Afrika bei rund 15 Kilo pro Einwohner. Wo geht dieser Förderüberschuss hin? Mit rund drei Tonnen pro Einwohner und Jahr sei Europa laut der Studie der „Kontinent mit den größten Netto-Importen an Ressourcen“, der von einem „bedeutenden Transfer von Ressourcen aus armen Ländern mit geringem Konsum in Reiche Länder mit hohem Konsum“ profitiere.

Malthus steht plötzlich Kopf: Anstatt sie selber zu konsumieren, führen die Regionen mit dem höchsten Bevölkerungswachstum (arme Länder) rund ein Drittel ihrer geförderten Ressourcen in die Regionen aus, in denen kein Bevölkerungswachstum vonstattengeht (reiche Länder).

Absurdität mit System

Soviel zur faktischen Absurdität der Überbevölkerungsideologie, die sich allein schon an der Bevölkerungsdichte blamiert, die in Afrika rund 43 Einwohner pro Quadratkilometer beträgt, während es in der Bundesrepublik, wo ganze Regionen unter Bevölkerungsschwund leiden, 233 Einwohner sind.

Das Geraune von der Überbevölkerung Afrikas, dessen Träger zumeist rechte Weiße Männer sind, die ein Vielfaches an Ressourcen verbrauchen wie die Afrikaner, deren ihre bloße Existenz zum Vorwurf gemacht wird, stellt somit eindeutig Ideologie, also Rechtfertigung des Bestehenden dar. Implizit wird dabei angenommen, dass eine Entwicklung Afrikas nur im Rahmen einer nachholenden kapitalistischen Modernisierung stattfinden könnte, was tatsächlich aufgrund der damit einhergehenden Verbrennung von Rohstoffen und Energieträgern ökologisch unmöglich wäre.

Anstatt über alternative Entwicklungswege für die Peripherie nachzudenken und den Beitrag der Zentren an der „Unterentwicklung“ der Peripherie zu reflektieren, wird das Wachstum der Bevölkerung – ohnehin eine Folge der Unterentwicklung – zum verdinglichten Hauptproblem erklärt.

Damit sind die Opfer der globalen Hungerkrise zu den Verursachern gestempelt worden, ihre bloße Existenz wird zum Problem erklärt, was der Barbarei im weiteren Krisenverlauf Tür und Tor öffnet – während die ursächlichen Widersprüche des kapitalistischen Systems ausgeblendet werden.

Als abschließendes Fazit, somit ein Vorschlag zur Güte: Jeder faktenresistente Malthusianer, der die rasche „Vermehrung“ von Menschen für den Quell aller ökologischen und ökonomischen Probleme hält, kann ja mit gutem Beispiel vorangehen.



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